Jamaikanische Knöpfchendreher

Jeder kannte den Hit. Seit Wochen plärrte er aus den Plattenläden hinaus auf die staubigen Straßen Jamaikas. Am Strand, im Park, im Hinterhof, auf allen Dances lief der Monstersong wieder und wieder – auch in dieser Tropennacht. Weil die Menschen so jubelten, legte der DJ die Hymne gleich noch einmal auf: Bass, Schlagzeug, Gitarre und die Bläser setzten ein. Doch diesmal kam der Gesang nicht! Die Menge tobte, sang selbst und erzwang Wiederholungen der wortlosen Version, bei der auch Instrumente manchmal für ein paar Takte aussetzten.

dub

So soll sich vor 40 Jahren die Geburt des Dub zugetragen haben. Den Musikstil zeichnet aus, dass einzelne Tonspuren – Gesang, Gitarre, Orgel – plötzlich wegfallen, um irgendwann überraschend wiederzukehren – so wird Spannung erzeugt. Dieses Hin und Weg wird oft durch Soundeffekte verstärkt.

Dieses epochale Prinzip wirkt bis heute nach. Die elektronische Tanzmusik von heute würde ohne das Aus- und Einblenden kaum so gut funktionieren. In seinem Dokumentarfilm „Dub Echoes“ präsentiert Regisseur Bruno Natal wichtige Vertreter des Dub-Reggae, aber auch solche aus Techno und House. Selbst Maxiversionen alter Discohits basieren auf dem Spiel mit den Reglern und Schiebern am Mischpult.

Wer auf den Dreh mit den Knöpfchen kam, bleibt unsicher. Als bedeutendster Pionier gilt King Tubby. Nach simplen Vorübungen setzt der gelernte Elektriker in den frühen 1970ern erstmals Hall und selbst gebastelte Echos ein, um das instrumentale Rückgrat gesungener Lieder neu abzumischen. Einzelne Töne verpuffen und kehren als Schauer zurück. Die Becken zischeln wie Kobras. Tubbys Mixes kommen auf die B-Seiten der Vinylsingles und heißen lapidar „Version“.

pro Selbsternannter König: King Tubby im Studio | Foto: pro

1973 erscheint die erste reine Dub-Langspielplatte: „Dub Serial“. Die Rarität, auf der die archaische, minimalistische Mischkunst von Errol Thompson erklingt, war Liebhabern schon 1000 Dollar wert. King Tubby demonstriert ein Jahr später auf „Dub from the Roots“, wie er Hochspannung aus Reggae-Rhythmen herauskitzelt…

1974 legt auch Lee „Scratch“ Perry richtig los, neben Tubby und Thompson der dritte wichtige Genre-Veteran. Auf Jamaika bricht das Goldene Dub-Zeitalter an. Der technische Fortschritt erlaubt zunehmend wildere aber auch subtilere Mischweisen. Die meisten sind Anfang der 1980er ausgereizt. Dub verliert an Popularität. Bis Mitte des Jahrzehnts mischen die Stilikonen Prince Jammy und Scientist noch auf Jamaika. Doch der große Absatz winkt in England, wohin die Dub-Welle in den 70ern übergeschwappt ist. Briten wie Adrian Sherwood und Mad Professor hauchen dem Genre neues Leben ein: Sie schaffen Dubs um des Dub Willen – eigenständige, akustische Weltraum-Odysseen, die keine Ableger gesungener Lieder sind.
Nun sucht sich der Stil immer neue Wege. Dub wird synthetisch und streift langsam das rhythmische Korsett des Reggaes ab. In den späten 80ern verbrüdern sich hektische Breakbeats, lateinamerikanische Rhythmen, asiatische und arabische Klänge mit ihm.

lee scratch perryLee „Scratch“ Perry at the controls in the Black Ark

Zeitweise beansprucht nahezu jedes basslastige, behäbige Gebrumme, das mit Tonspuren spielt, die Bezeichnung Dub. Wie eine Amöbe ändern sich die Konturen bis heute. Die Doppel-CD „Dub Echoes“, die parallel zur gleichnamigen Dokumentation erschienen ist, hetzt in großen Sprüngen vom klassischen Dub zu aktuellen Experimenten, die unter dem Namen „Dubstep“ firmieren.

Quelle: Badiche Zeitung, 22.09.09, von Jürgen Schickinger

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2 Antworten auf „Jamaikanische Knöpfchendreher“


  1. 1 r0byn 29. September 2009 um 18:43 Uhr

    sehr guter text!
    manch einer kennt die helden von damals heute gar nicht mehr.
    ich hoere ihre musik immer noch sehr gern!

  1. 1 Der Ursprung des Dub « these are my thoughts Pingback am 29. September 2009 um 18:46 Uhr
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